Lehrer-Schüler-Beziehungen an Waldorfschulen

Forschungsprojekt aus Mitteln der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) (zusammen mit Werner Helsper und Bernhard Stelmaszyk) Beginn: 11/2002 - Ende 5/2006

In Deutschland erfüllt heute kein anderer Schultyp so umfassend die Funktion einer profilierten Alternative zum staatlich (und konfessionell) getragenen Schulwesen wie die Freie Waldorfschule. Die Praxis der Waldorfschulpädagogik und ihre Bildungswirkungen sind allerdings empirisch vergleichsweise nur wenig erforscht.
In der aktuellen Diskussion über die Aufgaben der Schule angesichts des Strukturwandels im Aufwachsen und der zunehmenden Probleme und Krisen heutiger Kinder und Jugendlichen nimmt die Waldorfpädagogik eine besondere Position ein, weil sie die Unentbehrlichkeit einer engen und dauerhaften personalen (Klassen-)Lehrer-Schüler-Beziehung betont. Ein Spezifikum der Waldorfschule liegt in der bewußt pädagogisch akzentuierten Aufgabe des Klassenlehrers, welcher die Schüler seiner Klasse durch den täglichen Hauptunterricht im Idealfall kontinuierlich von der 1. bis zur 8. Klasse führt, um sie erst dann an die Fachlehrerschaft der Oberstufe abzugeben.

  1. Ein erstes allgemeines Ziel unseres Projekts ist es, im Rahmen des in der letzten Zeit in Gang gekommenen Dialogs zwischen Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik den Kenntnisstand über die Bildungs- und Erziehungswirklichkeit an Waldorfschulen im Hinblick auf den zentralen Bereich der Lehrer-Schüler-Beziehungen zu erweitern.
  2. Dabei gehen wir zweitens davon aus, daß es innerhalb des programmatisch einheitlichen Spektrums der Waldorfschulpädagogik beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Waldorfschulen gibt, so dass sich auch hier die These der Schulqualitätsforschung von der besonderen Bedeutung der Einzelschule und ihrer jeweiligen Lernkultur aufweisen und fruchtbar machen lässt.
  3. Die zentrale Fragestellung unserer Untersuchung betrifft drittens die Realisierung der mit dem Klassenlehrer-Prinzip verbundenen besonderen Formen der Lehrer-Schüler-Beziehung in der bewusst pädagogisch geprägten Schulwelt einer Waldorfschule, welche den gesellschaftlich dominanten Tendenzen der Erosion von Autorität und der Informalisierung des Generationsverhältnisses an vielen Stellen geradezu entgegengesetzt ist. Uns interessiert im Kern, ob und in welchen Formen dieses auf personale Autorität, d.h. auf Vorbild und Identifikation angelegte Erziehungsverhältnis mit frühadoleszenten Schülerinnen und Schülern heute verwirklicht werden kann. Inwieweit kommt es in der Beziehung des Waldorf-Klassenlehrers zu den Schülern seiner Klasse zu Formen gegenseitiger Anerkennung und Idealisierung? Gibt es von Anfang an oder im Laufe der Zeit kritische Punkte und Phasen, wo das Verhältnis aufbricht und als krisenhaft erlebt wird ?
  4. Für die Weiterentwicklung der qualitativen Schulforschung halten wir es schließlich viertens für notwendig, die Lehrer-Schüler-Beziehungen mehrebenenanalytisch zu untersuchen und die verschiedenen Ebenen miteinander in Beziehung zu setzen: die Interaktionsstruktur im Unterricht mit den subjektiven Deutungen der daran beteiligten Akteure sowie mit der vorherrschenden programmatischen Orientierung in der Lehrerschaft der betreffenden Waldorfschule.

Um die Lehrer-Schüler-Beziehungen an Waldorfschulen in einer ausreichenden Vielfalt und auf den verschiedenen Ebenen erfassen zu können, beabsichtigen wir,

  • drei verschiedene Waldorfschulen mit unterschiedlichen Schulkulturen bzw. Schulprogrammen und -profilen auszuwählen und dort
  • in je einer 8.Klasse die Lehrer-Schüler-Interaktionen im Hauptunterricht eine Woche lang zu beobachten und aufzunehmen,
  • den Klassenlehrer und je vier bis fünf ausgewählte SchülerInnen „seiner” 8.Klasse (unter Berücksichtigung ihrer Jahreszeugnisse aus der 7.Klasse) in zu befragen sowie
  • mit einer Expertengruppe des Lehrerkollegiums an jeder Waldorfschule über die Erfahrungen mit dem Klassenlehrer-Prinzip zu diskutieren.

Die Datenerhebung an den Waldorfschulen ist im ersten Halbjahr 2003 durch je zwei den Schulen im voraus bekannte Projektmitarbeiter erfolgt. Die nach den Richtlinien des Datenschutzes anonym transkribierten Unterrichtsszenen, Interviews und Protokolle werden mit den geeigneten Verfahren qualitativer Forschung ausgewertet und interpretiert. Erste Zwischenergebnisse sind im Frühjahr 2004 zu erwarten. Das Gesamtprojekt, das kooperativ von zwei Forscherteams an den Universitäten Halle/Saale und Mainz und in Abstimmung mit dem Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart durchgeführt wird, soll im Laufe das Jahres 2005 abgeschlossen und in einem ausführlichen Forschungsbericht der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Wiss. MitarbeiterInnen:

  • Dipl.-Päd. Davina Höblich (Pädagogisches Institut, Universität Mainz)
  • Dipl.-Päd. Gunther Graßhoff (Pädagogisches Institut, Universität Mainz)
  • Dipl.-Päd. Dana Jung (Institut für Pädagogik, Universität Halle/Saale)